Mittwoch, 17. Oktober 2012

Schule


Beginnend mit diesem Eintrag werde ich versuchen, diesen Blog, vom chronologischen Aufzählen aller Geschehnisse, hin zu einem ereignis-, bzw. themenbezogenen Blog umzugestalten!
Thema heute: Schule.

Meine Haupttätigkeit hier in Ecuador besteht, wie Ihr vermutlich alle wisst, aus dem Englischunterricht, den ich in Tixán und Llallanag in den Grundschulen erteile. Dabei unterrichte ich jeweils die Klassen vier bis sieben, mit jeweils 18 bis 25 Schülern. Hauptsächlich besteht der Unterricht aus Spielen und einfachen Vokabeln, wie Zahlen, Farben, Tieren oder Alltagsphrasen.

Meine erste Unterrichtswoche war eine einzige Katastrophe: Nicht nur, dass ich kein einziges Wort spanisch konnte, nein, durch meine Passivität in der Vorwoche, in der ich lediglich hospitiert hatte, war meine Autorität futsch und damit ein Unterrichtsfluss unmöglich! Mein einziges Ziel bestand darin, möglichst schnell und unbeschadet aus diesem Klassenraum zu verschwinden, ohne Tote oder Verletzte. Denn wer sich eine Klassenatmosphäre wie in Deutschland vorstellt, der irrt gewaltig: Ständig springen die Schüler von Tischen oder Bänken. Wenn ich mich für 20 Sekunden umdrehe, um etwas an Tafel zu schreiben, und dann wieder in Richtung Klasse schaue, liegen plötzlich 7 Kinder auf dem Boden aufeinander. Auf die Frage, was sie dort täten, wissen auch sie keine Antwort, worauf sich ein achtes Kind auf den Haufen vor der Tafel stürzt.
Mir war bereits bewusst, dass konstruktives und organisiertes Lernen quasi ein Ding der Unmöglichkeit sei, dennoch kann ich es mir bisweilen teilweise nicht verkneifen, an der Grundintelligenz einiger Schüler zu zweifeln, wenn sie es noch nicht einmal hinbekommen, innerhalb von 15 Minuten acht Wörter fehlerfrei von der Tafel abzuschreiben.

Trotzdem gibt es auch genügend Momente, in denen ich sehr glücklich und zufrieden bin! Wenn ich über den Marktplatz in Tixán laufe, oder beispielsweise morgens die Schule betrete und alle kleineren Kinder, „Linito, Linito“ schreiend, auf mich zugelaufen kommen, kann ich mir ein herzhaftes, glückliches Lachen meist nicht verkneifen. Generell gestaltet sich das Fortkommen innerhalb des Schulgebäudes sehr schwierig, denn sich ständig mit einer Traube von 10 Kindern um einen herum fortzubewegen, die alle etwas anderes schreien, ist gar nicht mal so einfach!

In Ecuador herrscht definitiv ein anderes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern: Wenn Lehrer die Klasse verlassen, werden sie umarmt und ihnen wird etwas zu essen geschenkt. Zudem werden die Lehrer mit dem Vornamen angesprochen, trotzdem jedoch gesiezt. Auch das Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern ist ein anderes, oft kennen sich die beiden Parteien sehr gut und laden sich gegenseitig zum Essen ein, oder treffen sich auch nur so, um ein bisschen zu quatschen oder zu lästern.
Sehr, wenn auch ungewollt, amüsant, sind alltägliche Situationen mit den Kindern: Zum einen die teilweise sehr kreativen und extraordinären Fragen, wie zum Beispiel, ob Amerika auf einem anderen Planeten liegt (ich konnte mir ein „in gewisser Weise schon“ leider nicht verkneifen), oder die Namen der Kinder. Wenn in einer Klasse Jesus, Transit und Dyson (wie der Staubsauger), in der nächsten Edison, Stalin und Franklin und in einer Klasse eines anderen Volontärs Lenin und Gandhi nebeneinander sitzen, kann man sich ein Schmunzeln einfach nicht verkneifen!

Ein weiteres, wirklich interessantes, Event in unserer Schule war der Besuch des Supervisors, also die Aufsichtsperson aller Lehrer, entsandt vom Schulministerium vor circa drei Wochen. Noch nie habe ich beobachten können, wie eigentlich erwachsene Lehrer zu einem gigantischen Haufen von Schleimern und Nutznießern verkommen können – was für ein Spektakel! Getoppt wurde sein Auftritt nur davon, dass er sich dabei auch noch extrem wichtig und geil gefühlt hat, mit arrogantem Gang über den Schulhof stolzierte und schließlich, mit mir im Arm liegend, Fotos machte – gegen die Sonne versteht sich!

Meine Schule in Tixán

Montag, 8. Oktober 2012

Große Reden in Tixán


Duschen sind wirklich überbewertet! Es hat so viel mehr Stil, einen Topf Wasser warm zu machen und sich mit einem kleinen Messbecher zu „duschen“ – glaubt es mir, oder überzeugt Euch selbst :)

Am 02.09. ging es nun endlich in die Gemeinden! Alle waren ganz aufgeregt, was für ein großer Tag!
Nach anderthalb Stunden Fahrt von Riobamba erreichte ich Tixán.
Zu meinem Dorf:
Tixán ist die größte Comunidad (Gemeinde) mit geschätzt 1000 Einwohnern. Ich wohne in einer, für diese Gegend, wohlhabenden Familie, mit einer Dusche, Waschmaschine, Fernseher und Autos, wobei sie mit letzterem ihr Geld verdienen.
Meine Mutter heißt Alexandra, sie arbeitet im Umland und verkauft Kleidung, Cremes, und andere Hygieneartikel. Ich schätze sie auf 32 Jahre.
Mein Vater heißt Jorge, ist Metzgerssohn, handwerklich überbegabt, arbeitet bei „Vision Mundial“ (World Vision), der größten christlichen Hilfsorganisation der Welt! Nebenbei ist er aber noch Camionetta Fahrer, eine Art Taxifahrer für abgelegene Orte.
Daneben habe ich noch drei Gastbrüder, Samuel (3 Jahre), Homero – zu Englisch Homer (11 Jahre) und Jorge (13 Jahre), wobei ich Homero auf meiner Schule in der siebten Klasse in Englisch unterrichte.
Zudem wohnen, ebenfalls in Tixán, meine Gastgroßeltern, die schon wirklich sehr alt sind. Sie haben eine kleine Tienda (eine Art Kiosk) am Dorfrand und verkaufen vor allem Teigwaren.
Abends fragte ich meine beiden älteren Gastbrüder, mit denen ich mir ein Zimmer teile, warum sie denn in einem Bett schlafen, obwohl doch die obere Liegefläche des Hochbetts frei sei. Die Antwort fiel kurz und präzise aus: „Weil wir uns lieben!“ – Das erklärt, so denke ich, die allgemeine Grundstimmung und Herzlichkeit in meiner Familie!
Am nächsten Morgen, der erste Schultag, klingelte der Wecker um sechs Uhr, und gemäß meiner Tradition und Gewohnheiten aus Deutschland, verschlief ich natürlich! Auch mein geplanter Lauf zur Schule, um wenigstens zwei Minuten gut zu machen, verkam auf 3200 Metern Höhe zu einem Kurzsprint, den Rest des Weges legte ich dafür in doppelt so langer Zeit wie sonst üblich zurück.
Auf dem Schulhof versammelten sich, nach anderthalb Stunden Einschreibungen der neuen Schüler, alle Eltern, Lehrer und Kinder, in Reih und Glied aufgestellt, auf dem Schulhof. Begleitet von Akkordeon und inbrünstig schnaufenden Lehrern wurde die Nationalhymne gesungen und die Flagge gehisst. Danach wurden die Tagespunkte vorgelesen und abgearbeitet. Ein Punkt stellte die Begrüßung der neuen Lehrer dar, also mich und eine andere Lehrerin, die, mit Verlaub, einer osteuropäischen  Kugelstoßerin gleicht – aber das ist ein anderes Thema und unwichtig!
Jedenfalls fing diese Dame plötzlich an, eine Dankesrede durchs Mikrofon zu posaunen, und ich konnte eins und eins zusammenzählen, dass spätestens in 30 Sekunden das Mikro in meiner Hand landen würde und ich, aus dem Stehgreif, eine Rede auf Spanisch halten werde – und genau so kam es natürlich auch… Alle Schüler, Lehrer und Eltern starrten mich an und erwarteten meine ersten Worte, also blieb mir nichts anderes übrig, als zu sprechen, irgendwas, wie auch immer! Doch scheinbar genügte meine Sechs-Sekunden-Rede, voller Fehler und Stotterer, um einen, wenn auch zurückhaltenden, Applaus auszulösen – damit konnte der Tag ja nur noch besser werden!
In der ersten Schulwoche hatte ich das Glück, hospitieren zu dürfen, um überhaupt erst einmal einen Einblick in diesen doch ganz anderen Schulalltag zu erhalten.
Nach meiner druckreifen Rede, ging es also in die Klassen. Doch damit begann keineswegs der Unterricht, sondern alle Kinder stürzten sich auf mich, fassten mich an und fragten mich alle gleichzeitig andere Dinge, während der Lehrer sporadisch die Klasse verließ und wieder betrat. Was für ein Chaos, was für eine Lautstärke, ich brauche einen schalldichten Panikraum!
Meine Hoffnung, dass dieses zeitweilige Verlassen der Klassen der Lehrer auf die Einschreibung des ersten Tages zurückzuführen sei, bestätigte sich leider im Laufe der kommenden Woche nicht!
Die eindrucksvollste Szene diesbezüglich ereignete sich am Donnerstag dieser Woche. Ich besuchte an diesem Tag die vierte Klasse, bis Marianne, die Klassenlehrerin, zu mir sagte, sie käme in ein paar Minuten wieder, denn sie hätte was zu klären. Soweit nichts Ungewöhnliches. Doch als eine halbe Stunde verging und das Klassenzimmer von den Kindern kurzerhand in einen Fußball- und Leichtathletiksaal umfunktioniert wurde, bekam ich doch Bedenken, was es mit all dem letztlich auf sich hat, als just in dem Moment alle Lehrer geschlossen hintereinander, in reger Diskussion, an meinem Fenster vorbeiliefen. Im Umkehrschluss hieß das, dass in keiner einzigen Klasse, seit einer halbe Stunde, auch nur ein Lehrer ist. Als ich sah, dass alle Lehrer das Schultor hinter sich ließen, um die Schule zu verlassen, trieb mich nun doch meine Neugierde!
Also um die Ecke geschaut, und was erwartete mich..? Ein Minibus, vollgestopft mit Decken und Plumeaus, und um den Kofferraum versammelt, alle Lehrer der Schule. Mit prüfendem Blick und professionell anmutenden Handgriffen, zur Einschätzung der Qualität dieser Decken, diskutierten meine „Kollegen“, wohlgemerkt alles während des Unterrichts, über Farben, Muster und Einsatzorte. Auf einen kurzen, gut gemeinten Hinweis der Verkäuferin, in wie vielen verschiedenen Situationen man diese einmalig guten Decken doch verwenden könne, fiel einem Lehrer ein, dass sich seine Frau bestimmt auch über eine Decke freuen würde – doch was war noch gleich ihre Lieblingsfarbe?
Spätestens hier wurde mir das Ganze zu bunt, ich packte meine Sachen, während die Lehrer mit der Verkäuferin Handynummern austauschten, und ging entschlossenen Weges nach Hause; das kann doch wirklich nicht deren ernst sein, oder?!?
Weitere Highlights dieser Tixán-Woche: Der Hund pinkelt mir vor mein Bett (irgendwas muss ich an mir haben, dass bis jetzt alle Hunde von jeder meiner Gastfamilien vor mein Bett pissen), ich habe meinen ersten Floh, wobei meine Gastmama davon überzeugt ist, dass ich sie aus Deutschland mitgebracht habe, „Vier Gewinnt“ ist DAS gesellschaftliche Event abends!
Zurück in Riobamba erwartete uns samstags erst einmal eine dicke Überraschung: Wir haben weder Strom noch Wasser! Doch unerwarteter Weise lag es nicht daran, dass wir die Rechnung nicht gezahlt hatten, sondern woran auch immer. Jedenfalls begleitete uns dieser Zustand geschlagene zwei Wochen lang. Erkenntnis: Man kann ohne Wasser, aber vor allem ohne Strom leben, muss es aber nicht…
Außerdem gingen wir Arbeitsblätter für die Kinder kopieren. Ich brauchte insgesamt 300 Kopien, der Verkäufer nickte und nahm mir die Blätter aus der Hand. Als er dann jedoch anfing zu kopieren, und ich sah, dass es sich um einen Tintenstrahldrucker handelte, der für eine Seite ca. 20 Sekunden braucht, verging mir die gute Laune ganz schnell und der eigentlich kurze Kopierausflug gestaltet sich zu einem Tagesevent. Unglaubliche zwei Stunden später konnte ich meine Blätter dann abholen, naja, zumindest 2/3, denn bedauerlicherweise sind zwischenzeitlich die Patronen leer geworden!

Spontaneität zahlt sich aus!


Wie Ihr bereits wisst, verlor ich am Tag meiner Ankunft einen Großteil meiner Sachen und musste so zunächst einmal eine Woche frieren, da ich keinen einzigen dicken Pulli mehr hatte. Philippa, eine ehemalige Freiwillige, die sich nun für das Projekt engagiert und mit uns auch durch die Communidades gefahren ist, packte ihre Sachen, um nach Otavalo zu fahren, wo es den vermutlich größten Kleidermarkt in Ecuador gibt. Ich sagte so daher, dass ich auch gerne nach Otavalo fahren würde, um mir neue Klamotten zu kaufen. Sie sagte, ich könne gerne mitfahren, und so machte ich mich unverhofft spontan, mitten in der Nacht, am Freitag den 31.08 mit Philippa auf nach Otavalo, wo noch circa 15 andere Volontäre stationiert sind.
Die Busfahrten überstand ich, dank Imodium, recht gut, sodass wir samstags morgens um fünf Uhr in Otavalo ankamen. Wir schlendern im Dunkeln durch die leeren Straßen, bis wir uns langsam und sicher dem Stadtkern näherten. Ein beeindruckendes Bild bot sich uns. Ein Bild, dass eine Stadt zeigt, wie sie langsam aufwacht, ein Bild von unzähligen Helfern, die die Marktstände aufbauen. Wir setzten uns an einen kleinen Essensstand und tranken warmen Milchreis – ein Moment für die Ewigkeit!
Später weckten wir die anderen Volontäre in ihrer Wohnung, die ganz schön verdutzt aus der Wäsche guckten – morgens um sechs Uhr!
Nachdem wir alle mehr oder weniger aufgewacht waren, ging es endlich zum Markt. Ich kaufte mir eine Jacke aus Alpakawolle und eine aus Lamawolle; Ja, Lama und Alpakas sind nicht dieselben Tiere, doch wo der Unterschied liegt, weiß ich selber noch nicht so genau ;)
Nach einem kurzen Mittagssnack ging es dann auch schon wieder gegen zwei Uhr zurück nach Riobamba, denn schließlich erwartete uns dort eine große Willkommensfeier, organisiert von meiner Gastmama aus Llallanag und Koordinatorin „Patty“!
Nach sieben Stunden Fahrt nach Otavalo, sieben Stunden Aufenthalt dort, und sieben Stunden Rückfahrt nach Riobamba erwarteten uns circa 20 Familienmitglieder von Patty in einem kleinen Wohnzimmer, irgendwo am Stadtrand. Es wird gegessen, getanzt, gequatscht, gesungen und Gitarre gespielt. Irgendein Musik-Gen scheint in dieser Familie besonders dominant zu sein, selten habe ich Laien so schön singen und Musik machen gehört – Gänsehaut! Wenn Ecuadorianer eines wissen, dann ist es dieses, wie man feiert!

Mittwoch, 19. September 2012

Schnupperstunden, white sensation


Der Verlust ist vergessen, Ballast abgeworfen, es muss etwas Neues her!
Am 29.08, ein Mittwoch, ging es das erste Mal in die Communidades (Gemeinden). Ein großer Moment für uns alle, wir werden unsere Dörfer und Gastfamilien das erste Mal kennenlernen, mit denen wir immerhin ein Jahr unseres Lebens verbringen werden!
Den ganzen Tag lang fuhren wir mit einem Pick-up durch alle Gemeinden, es war toll, Hannah musste sogar vor lauter Gefühlschaos weinen: Fast ein Jahr haben wir auf diesen Moment gewartet, nun ist er da!
Der Empfang in meiner Gemeinde Tixán war sehr herzlich und nett, es gab spontan einen kleinen Willkommensbrunch und alle waren sehr offen und freuten sich – wie wir auch :)
Meine ersten Eindrücke von Tixán: hübsch, freundlich, genau richtig!

Tixán

Kleine Pause zwischendurch

v.r.n.l: Judith, Mario, Hannah, ich

Ein Weg in Tixán

Danach ging es nach Llallanag, meiner zweiten Gemeinde. Meine Gastoma lud uns alle erst einmal zu einem Tee und Obst ein, obwohl sie selber kaum etwas hat.
Meine ersten Eindrücke von Llallanag: klein, toller Ausblick, idyllisch, schmutzig, super süße Oma, ich bin zu groß für das Haus!

Llallanag: Der Betonplatz in der Mitte ist der Schulhof



Zu guter Letzt entschlossen wir uns, den Weg von Llallanag nach Tixán zu laufen, also eben den Weg, den ich in Zukunft mindestens zwei Mal die Woche gehen werden muss. Auf der Mitte der Strecke knickte Hannah um und konnte nicht mehr laufen, doch wir mussten ja irgendwie vorwärts kommen! Philippa und Mario opferten sich und trugen sie ein Stückchen huckepack, bis wie gerufen ein Auto vorbeikam, und sie mitnahm nach Tixán.


Für uns hieß es währenddessen weiterlaufen! Als es dann wieder bergauf ging, war ganz schnell Schluss für mich: Die Höhe und die Sonne machten mich fertig, ich konnte einfach nicht mehr weiter. Zu allem Übel merkte ich auch noch, dass meine Wanderschuhe zu groß sind und ich einfach null Kondition habe. Das kann ja was werden, jede Woche zwei Mal diese Strecke – und der Rückweg ist noch anstrengender; Läuft!

Nachdem ich mich von den Strapazen dieses Mittwochs erholt hatte, ging es zwei Tage später auf einen traditionellen Markt, der nur von Indigenen besucht wird. Und tatsächlich waren wir die einzigen Weißen weit und breit, selbst Mestizen, also Ecuadorianer mit sowohl Europäern, als auch Indigenen Vorfahren, waren kaum zu sehen. Nur wir und ein deutsches Kamerateam verirrten sich hierhin, nach Guamote. Dementsprechend wurden wir auch behandelt und gesehen: Als eine seltene Attraktion. Jeder starrte uns an, als seien wir exotische Wesen von einem anderen Stern, und schauten uns minutenlang hinterher; selbst Zootiere genießen mehr Privatsphäre als wir auf diesem Markt! An vielen Markständen wurde uns nur mit Englisch oder sogar mit Zeichensprache geantwortet, obwohl wir etwas auf Spanisch gefragt hatten. Muss das sein?





Guamote

Als wir so über den Markt schlenderten, der übrigens sehr schön und beeindruckend ist und sich über die ganze Stadt zieht, sah ich eine Menschentraube von circa 20 Menschen um einen Mann stehen, der lautstark versuchte, etwas zu verkaufen. Ich wollte nur einen kurzen Blick erhaschen, was er verkauft. Als er mich jedoch schon ankommen sah, unterbrach er seinen Vortrag und fragt mich, woher ich denn käme. Gefühlt der halbe Markt starrte mich an und erwartete eine Antwort. Ich glaube, selten habe ich mich so unwohl und fehl am Platz gefühlt. Mit entsprechend gemischten Gefühlen verließen wir Guamote. Zudem erzählte mir Mario noch, dass mir auf dem Markt ein kleiner Junge unter meine Jacke gegriffen hatte. War das nun Neugierde oder ein versuchter Diebstahl? Ich weiß es nicht, nur, dass ich mich immer unwohler fühle. Ich werde immer fremd und besonders sein hier, und das lässt sich auch niemals ändern! Eine ernüchternde Erkenntnis, die jedoch vermutlich der Wahrheit entspricht.

Ooh oh, Im an alien, Im a legal alien, Im a German man in Guamote!

Lamas ohne Hüte, Pferde ohne Hüte, wo ist mein Hut?


In Cayambe, circa anderthalb Stunden nördlich von Quito, erwartete uns also das Einführungsseminar. Unser Hostal  „Mitad Del Mundo“ (durch Cayambe verläuft ziemlich genau der Äquator, daher der Name) glich eher einem Zoo, als einer Schlafgelegenheit: Jeden Morgen und Abend machten sich circa 25 Kanarienvögel und einige Hunde der Umgebung lautstark bemerkbar, sodass schlafen nur tief in der Nacht möglich war – sofern nicht einige besoffene andere Hostalgäste meinten, nachts um zwei Betten und Schränke durch den Flur schieben zu müssen – aber ich will mich ja nicht beschweren, immerhin war es sauber und nett eingerichtet, wobei das Frühstück, mich zumindest, nicht überzeugte.

Zu Cayambe an sich lässt sich nicht viel sagen, eine typische ecuadorianische Kleinstadt der „Sierra“ (Berggebiet), umgeben von riesigen Vulkanen und einer spektakulären Landschaft, wobei der Stadtkern selber nicht zu glänzen weiß. Trotzdem boten sich zwei Lichtblicke, wenn auch kulinarischer Art: Das war erstens ein Oreo-Eis und zweitens das großartige Restaurant „Café Aroma“, geführt von einem Österreicher. Hier bekamen wir einmal nicht nur Reis mit Hühnchen, sondern Salat, echte Fleischstücke oder andere europäische Sachen – das entspricht zwar nicht ganz der Idee eines Auslandsaufenthaltes, aber es tat einfach nur gut!

Strassenbild in Cayambe

Das Seminar an sich bot nicht viel Neues an nüchternen Informationen, sondern diente eher noch einmal der Einstimmung auf dieses, doch immer noch, fremde Land. Dazu gehörten zum Beispiel ein toller Nachmittag auf der Finka unserer Seminarleiterin...

Auf dem Weg zur Finka - tasächlich haben alle draufgepasst! 

Privater "Teich"

Und immer grüssen die Berge!


Harte Arbeit auf der Finka

... oder ein interessanter Ausflug zu einer religiösen Kultstätte aus der Vor-Inka Zeit, inklusive meines ersten Zusammentreffens mit Lamas – echt lustige Tiere!

Bushhunters - Auf, zu den Lamas!

Im Hintergrund: Quito



Ein Schönling




Man beachte: Zwei verschiedene Augenfarben!
Behind the scenes.

Ja, zeitweilig lag ich unter dem Lama...



Da staune ich nicht schlecht!

Zu Ende des Seminars gingen wir alle zusammen reiten, für 15 Dollar wurden wir durch die Berge um Cayambe geführt und bekamen sogar eine Führung in den Urwald zu einem kleinen Wasserfall, während sich die Pferde erholen konnten. Dabei bewährte es sich doch das ein oder andere Mal, dass ich bereits reiten konnte, zum Beispiel, als mein Pferd spontan in den Jagd-Galopp wechseln wollte! Sowieso war mein Pferd weniger auf meine Kommandos, sondern vielmehr auf Hannahs Pferd konzentriert, denn die beiden waren verliebt und durften sich nicht aus den Augen verlieren, ansonsten gab es Stress und die Lücke musste so schnell wie möglich geschlossen werden,  notfalls auch im eben erwähnten Jagd-Galopp. Außerdem konnte es einfach nicht genug fressen – da haben sich ja zwei gefunden…

Pferde in love!

Der zweite von links bin ich

Unfall

Zu Ross




Ein Kind der Familie, der die Pferde gehören

Urwald






Zwei Tage nach diesem grandiosen Ausritt erwischte es mich heftig: Marlene, eine andere Volontärin, und ich wurden ganz schön übel krank, sodass die geplante Reise nach Riobamba spontan verschoben werden musste. Nach anderthalb Tagen war aber alles wieder gut.
Notiz an mich: Nicht mehr in irgendwelchen Hinterhöfen essen gehen!

Wo ist mein Hut? Und mein Pulli? Wo ist der schwarze Seesack?
Nachdem ich die achtstündige Busreise nach Riobamba gut überstanden hatte, fehlte nach der Ankunft in unserer WG Wohnung plötzlich der schwarze Sack, indem sich ungefähr  1/3 meiner Sachen befand. Rekonstruktionen besagen, dass wir den Sack schön brav über hunderte Kilometer mitgeschleppt hatten und nun in Riobamba, im Taxi zur WG, vergessen haben – das muss uns erst einmal einer nachmachen!
Nein wirklich, das hat mich die ersten Tage richtig fertig gemacht, da ich nun tatsächlich all meine Pullis und warmen Sachen verloren habe - Und ich fror sehr in den darauffolgenden Tagen! Kein Versuch half, meine Sachen wiederzufinden, noch nicht einmal die Polizeichefin der Provinz „Chimborazo“ konnte meine Sachen zurückholen. Dann muss ich mich wohl damit abfinden, zumindest habe ich ja noch mehr als die Hälfte ;)

Freitag, 24. August 2012

Sprachschule, Zeitgefühl, Giftattacke?


Schon wieder ist eine Woche vergangen und so viel passiert. Mein letzter Eintrag endete mit der Fahrradtour durch Quito, einen Tag später, am Montag, den 13.8., begann für die meisten von uns die Sprachschule. Eine Woche lang, vier Stunden am Stück, fühlte ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt: Vokabeln lernen und Grammatik pauken, das übliche eben, doch ich habe das Gefühl, dass es mich ein gutes Stück weiter gebracht hat.

In der Sprachschule - Endlich Pause!

Ich hatte das Glück, eine unglaublich liebenswürdige Lehrerin zu bekommen, die genau auf meine Problematik des selber unterrichtens einging und mir viele wertvolle Tipps und Vokabeln diesbezüglich gab. Einmal sind wir sogar auf den großen Lebensmittelmarkt von Quito gegangen, der mich ganz ohne touristisches Flair durch seine Natürlichkeit und Authentizität überwältigte. Überall Gerüche, Lärm, Farben und meterhoch gestapeltes Obst und Gemüse aus dem Dschungel, dem Andenland und der Pazifikküste. Meine Lehrerin sagte mir jedoch, der Markt in Riobamba sei circa dreimal so groß; ich bin gespannt und werde berichten!

Mit meiner Lehrerin auf dem Markt

Gewöhnungsbedürftig!

Die meisten von Euch werden wissen, dass ich mit Pünktlichkeit so meine Probleme habe und Ecuador scheint, was das angeht, das richtige Land für mich zu sein. Ein verabredeter Zeitpunkt wird eigentlich nie eingehalten, und das färbt zwangsläufig auch auf uns ab. So sind wir jeden Tag zu spät in die Sprachschule gekommen, oder standen erst eine Stunde später am vereinbarten Treffpunkt, der eigentlich nur 10 Minuten Fußweg entfernt ist – man passt sich eben an! Gegipfelt ist unsere Schluderei am 15.8., als wir Mario, einen anderen Freiwilligen aus Riobamba, vom Flughafen abholen wollten: Trotz Verspätung seines Fluges musste er auf uns am Flughafen warten; wir waren circa zwei Stunden zu spät :D
Egal, vergessen, Schwamm drüber, denn was uns kurz zuvor beinahe passiert ist, ist dagegen weniger lustig: Wie erwähnt holte ich Mario, zusammen mit Hannah (eine weitere Freiwillige aus Riobamba), und Marlene vom Flughafen ab. Immer wieder wurde uns gesagt, auf keinen Fall nachts durch Quito zu laufen, und sich schon gar nicht in der Nähe des Parks aufzuhalten. Dummerweise kam Mario aber nachts an und um zur Bushaltestelle zu kommen, mussten wir durch den Park, sind aber extra außen rum gelaufen.  Alleine, im Zentrum Quitos, kam uns ein älterer Mann entgegen, mit einer Kappe auf dem Kopf und Flyern in der Hand. Er wollte uns, trotz mehrmaliger Ablehnung, unbedingt diesen Flyer in die Hand drücken, sah dann aber relativ schnell von seinem Vorhaben ab und verschwand in der Nacht Quitos. Erst am nächsten Tag wurde mir durch Zufall bewusst, welcher Gefahr wir in dieser scheinbar harmlosen Situation ausgesetzt waren: Wie jeden Tag redete ich mit meiner Sprachlehrerin über Gott und die Welt, und sie erzählte mir von ihrem Bruder, der durch eine Giftattacke ausgeraubt und zehn Tage im Krankenhaus verbrachte, wenn ich es richtig verstanden habe, sogar vier Tage im Koma lag. Sie warnte mich, niemals von Fremden Flyer anzunehmen, da sich auf deren Spitze Drogen befänden, die einen willenlos machen und von deren Überdosis man schnell das Zeitliche segne. Sofort schoss mir die Situation von letzter Nacht durch den Kopf, und sie bestätigte mir, dass wir verdammt viel Glück hatten, diese Flyer nicht angenommen zu haben. Und ich wunderte mich schon, warum man mitten in der Nacht in menschenleeren Straßen Flyer verteilt… Glück gehabt, das Leben geht weiter!

Am Dienstag zogen wir dann endlich in ein neues Hostal, das alte „Blue House“ hatte nun wirklich ausgedient, ein frischer Wind musste rein. Auf Empfehlung früherer Freiwilligen zogen wir ins „Bamboo“, ein superschönes Hostal mit einer atemberaubenden Dachterrasse. Nach anfänglicher Preisdiskussion konnten wir uns mit den Rezeptionisten auf einen guten Preis einigen, endlich fühlte ich mich wieder wohl in meinem Bett! 

Blick von der Dachterrasse bei Tag...
...und bei Nacht

Und noch einmal aus unserem Zimmer - nicht schlecht, was?!?

Jetzt fehlten nur noch der Gang zum Einwanderungsministerium, um mein endgültiges Visum abzuholen (das ich mittlerweile habe und schon verloren habe) und etliche Ausflüge in und um Quito.
Am Donnerstag ging es zum „Panecillo“, von uns liebevoll „Brötchen“ genannt, einem kleinen Hügel mitten in der Stadt, in dessen Mitte eine riesige Jungfrau-Statue thront. Die Anfahrt ist nur in einem Taxi möglich, da sich unterhalb dieses Bergs wohl ein ziemlich gefährliches Stadtviertel befindet, in das sich noch nicht mal alle Einheimischen trauen; quasi das Mülheim von Quito ;)

Blick vom Brötchen nach Norden...

... und nach Süden

Einen Tag später trieb es uns dann noch höher, nämlich auf den Hausberg von Quito, den „Pichincha“, in 4100 Metern Höhe. Dünne und kalte Luft waren vorprogrammiert, ein atemberaubender Blick über Quito inklusive! Spätestens hier wurde mehr als deutlich, dass diese Stadt nicht wie offiziell angegeben weniger als zwei Millionen Einwohner hat, denn das Häusermeer reichte sowohl im Norden, als auch im Süden bis zum Horizont, und vermutlich noch viel weiter. Ich schätze auf mindestens doppelt so viele Einwohner, wenn nicht sogar dreimal so viele. Dank unseres Status als Volontäre, zahlten wir fuer die Gondelfahrt “nur“ den Preis für Einheimische, nämlich 4,50$.

Auf dem Weg nach oben

Einstieg in die Gondel

Die vier Riobambenos - Mario, Hannah, Judith, Ich

Über Süd-Quito


Man In Black

Misshandlung auf 4100 Metern Höhe

Ein tägliches Phänomen - vorsätzliche Brandrodung und Landschaftsbrände 

Wie haben dort bitte 17 Personen reingepasst?!?

Am Abend ging es dann, mit vier Stunden Verspätung nach Cayambe, wo unser Einführungsseminar stattfinden sollte – mehr dazu in meinem nächsten Eintrag.