Montag, 8. April 2013

Ya tenemos Presidente, tenemos a Rafael!


Bevorstehende Präsidentschaftswahlen in Ecuador. Leider habe ich mich mit diesem Thema zu wenig beschäftigt, um wirklich ausführlich und detailliert darüber berichten zu können, doch ein Ereignis möchte ich Euch nicht vorenthalten: Es war der 30. Januar 2013, ein gewöhnlicher  Mittwoch im Dorf. Die Ankündigung, dass Rafael Correa, der amtierende Präsident Ecuadors nach Alausí, einem Städtchen ca. 20 Minuten südlich von Tixán, kommt, um dort offiziell einen neuen Bahnhof zu eröffnen, und nebenbei reichlich Wahlwerbung zu veranstalten, hatte sich verbreitet wie ein Lauffeuer. Um nach Alausí zu kommen, fährt man auf der Panamericana an meinem Dorf Tixán vorbei, und so musste es schließlich auch El Presidente tun. Meinem Gastvater, einem scheinbar feurigen Correa Anhänger, war die Vorfreude auf das Ereignis den ganzen Tag schon anzumerken, es war, als freue sich ein Kind auf das Christkind, damit es endlich Geschenke auspacken konnte.

Rasant verbreitete sich am Abend plötzlich die Meldung, dass der Präsident in wenigen Minuten Tixán passieren werde. Das ganze Dorf war in Aufruhr und fuhr oder rannte den Berg hinauf, in Richtung der Panamericana.
Als wir mit unserem Kleinbus, mit dem mein Gastvater jeden Tag dutzende Kinder zur Schule nach Alausí fährt, in einem affenzahn durch Tixán gerast sind und etliche Menschen, die dem Spektakel beiwohnen wollten, von der Straße aufgesammelt hatten, kamen wir schließlich oben an, wo bereits geschätzte 50 Leute rufend und Fahnen schwingend am Straßenrand standen. Dann ging alles ganz schnell: Zuerst einige Polizeimotorräder, die die Straße räumten, dann ein oder zwei andere Fahrzeuge und plötzlich lief die Menschenmenge, wie von einem Magneten angezogen, auf einen Punkt zu. Ich näherte mich diesem Punkt und ehe ich mich versah, stand ich direkt neben dem Präsidenten von Ecuador, der doch tatsächlich ausgestiegen war und sich direkt unter die euphorische Menschenmenge gemischt hatte. Geschupse, Gedränge, und dazwischen der Sicherheitsdienst, der vergeblich versuchte, die Menschen wenigstens ein bisschen auf Distanz zu halten. Ich verstand diese ganze Situation nicht, musste lachen und wurde einfach vom Strom der Menschen mitgerissen.

Die Panamericana vor Tixán
 


Dass ich aus der Menschenmasse herausstach, war kein Wunder, da mir die meisten in meinem Dorf nur bis zur Brust oder den Schultern gehen; doch das daraus resultierte, dass mich der Präsident zu sich winkte, um mit mir zu reden, verwirrte mich dann doch ein wenig. Nach einem kurzen Smalltalk und einigen Flüchen, die ich meiner Kamera zuwarf, weil sie fast eine Minute lang kein Foto von uns machen wollte und  ich den ganzen Laden damit vermochte alleine aufzuhalten, weil ich und der Präsident tatsächlich 45 Sekunden lang dort lächelnd in die Linse starrten und sich nichts tat, war der ganze Spuk auch wieder vorbei. Er verabschiedete sich nach rund vier Minuten wieder in Richtung Alausí, mit dem Aufruf, die Menschen sollten ihm dorthin folgen. Und das taten sie. Eine Kolonne von 40 oder 50 Autos schlossen sich dem Präsidenten an und wir, mit meinem kurz vor dem Delirium stehenden Vater am Steuer, natürlich mit von der Partie! Dass daraus über kurz oder lang ein gigantischer Stau auf der einspurigen Panamericana entstehen musste, war abzusehen und bewahrheitete sich schnell. Doch durch etliche Schleichwege und scheinbar nicht enden wollende Umwege schafften wir es dann doch irgendwie, vorbei an den wartenden Autos, ins Zentrum von Alausí. Es war die Hölle los, die Stadt schien förmlich platzen zu wollen, es gab kein Vor oder Zurück mehr. Die Halle, in der sich Rafael Correa eingefunden hatte, war, sofern man nicht schon vor dem Eingang zerquetscht wurde, für jedermann zugänglich und die Menschen sangen, feierten und lauschten begeistert den Worten ihres Halbgottes.

Und dann hats doch geklappt




Auch mein Ghetto-Bruder ist in giftgrün gekleidet

Auch der Almödi schwenkt die Fahne

Ein kleiner Linktipp: Mirja, eine Freiwillige aus Otavalo, hat sich etwas ausführlicher mit dem Thema Präsidentschaftswahlen auseinandergesetzt. Wer Interesse hat: http://sinneswandeln.weebly.com/1/post/2013/02/ya-tenemos-presidente.html


Zwischenseminar und eine neue Mitbewohnerin


Mitte Januar stand das weltwärts Zwischenseminar an, eines von insgesamt sechs verpflichtenden Seminaren, die den Freiwilligendienst zu unterstützen vermögen. Es ging nach El Chaupi, einem kleinen Ort südlich der Hauptstadt Quito und ca. drei Stunden nördlich von Riobamba. Vier Tage verbrachten alle YAP-Freiwilligen aus Ecuador zwischen Gruppenspielen, bei denen Mitfreiwillige gerne einmal (un-)freiwillig zu einer Hand voll Lamaköttel als Snack für zwischendurch greifen (Namen werden an dieser Stelle einmal nicht erwähnt), und konstruktivem Austausch über Unterrichtsmethoden oder das Leben im Dorf. Ich hielt einen Vortrag über Ecuadors Ressourcen (konzentriert auf Gold, Fischerei und Erdöl), dessen Handout ich hier unten dranhängen werde.

Das "NESTLE-Lama" - ein bisschen genmalipuliert


Professionelle Tesalia Werbung






Wir schicken ein bisschen Sonne ins triste Deutschland :)




Drei Tage später sollte unsere Riobamba-WG neuen Zuwachs bekommen. Anke, eine Hamburgerin, wird von nun an ein halbes Jahr zu uns in die WG stoßen, sodass wir wieder zu viert sind; Willkommen!


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Handout zu Rohstoffen in Ecuador
·         Gold
-          Fakten
´        Durch hohen Goldpreis lohnt sich der Goldabbau schon bei 1g Gold pro 1t Gestein
´        99,9999% des gebrochenen Steins bleibt als verseuchter Abfall zurück
´        Für einen Ehering aus Gold benötigt man 20t vergiftetes Gestein
-          Produktion
1.       Mithilfe von Zyanid:
§  Gestein wird aus Stollen gebrochen, dann Luftgelagert und Wochenlang mit Zyanid besprenkelt, wodurch sich das Gold im Gestein löst
§  Folge: Das Zyanid wird durch den Wind kilometerweit in der Landschaft verteilt und kontaminiert Grundwasser, Natur und Mensch             (Zyanid verhindert den Sauerstofftransport im Körper u. ist in kleinsten Mengen tödlich)
§  Jährlich werden weltweit nur für die Goldgewinnung 182.000t Zyanid verbraucht
2.       Mithilfe von Quecksilber
§  Gewinnung von Gold aus Flüssen, wobei das Quecksilber direkt in die Flüsse fließt (alleine in den Amazonas jährlich ca. 100t)
§  Giftige Dämpfe werden ungefiltert in die Luft geblasen, sodass die Umwelt unmittelbar belastet wird
§  Quecksilber schädigt das zentrale Nervensystem
-          Kinderarbeit
´        Alleine in Ecuador arbeiten 2.000 Kinder nur in Goldminen
´        Gefahren:
è Atmen giftige Dämpfe ein (Zyanid + Quecksilber)
è Bei Sprengungen im Stollen stürzen diese zuweilen ein, während sich die Arbeiter und Kinder eben in diesen befinden
-          Hilfe
´        Die Organisation „Rettet den Regenwald“ hat es mithilfe der lokalen Organisation „Decoin“ im Intag geschafft, 1000ha Bergwald vor der Eröffnung  neuer Goldminen zu bewahren und gab den erworbenen Besitzt von Land an die ansässigen Dorfgemeinschaften weiter
-          Lösungsansätze
´        Statt des konventionellen Gold zu Fair-Traid Gold greifen
´        In den tresoren der Weltbanken lagern etwa 100.000t Gold ungenutzt, wodurch der weltweite Goldbedarf über Jahrzehnte gedeckt werden könnte


·         Schrimp-, Krabben- und Garnelenproduktion (15,2% des ecuadorianischen Exports)
-          Durch das Taura-Syndrom-Virus nahe Guayaquil entstanden 200 Millionen US$ schaden, sodass die Produzenten in den Norden Richtung Esmeraldas auswichen
è Bis dato letzter, von Krabbenfischern unberührter Ort

-          Produktion
´        In küstennahen Aguafarmen, meist auf ürsrpnglichen Reisfeldern oder Mangrovenwäldern
´        Für 1t Garnelen benötigt man 4t Fischmehl
è Für 1t Fischmehl benötigt man 5t Fisch
Ø  1t Garnelen = 20t Fisch
´        Einsatz von Unmengen von Antibiotika und anderen Chemikalien, da Farmer als Folge des Virus extrem vorsichtig geworden sind
´        Täglich müssen 15-20% des Wassers in den Aguafarmen erneuert werden
´        Nach 5-10 Jahren wird der Standort aufgrund zu starker Verschmutzung gewechselt
-          Folgen
´        Überfischung wg. Fischmehlproduktion
è Einheimische, traditionelle Fischerei stark betroffen
è Biologisches Gleichgewicht der Meere gestört (auch durch den Fang von Garnelenlarven mit engmaschigen Netzten, bei denen Milliarden von Larven sterben
´        Erhöhung der Reispreise an der Küste + Abholzung von unberührten Mangrovenwäldern
´        Extreme lokale Verschmutzung von Boden, Grundwasser und Meer, sodass nach 5-10 Jahren regelrechte Mondlandschaften zurückgelassen werden
è Erkrankung der lokalen Bevölkerung durch kontaminiertes Grundwasser
è Der traditionelle Fischfang wird weiter erschwert
´        Großer Verbrauch von Trinkwasser, das eh schon Mangelware an der Küste ist
è Grundwasserspiegel sinkt dramatisch


·         Öl (53% des ecuadorianischen Exports)
-          Yasuní-Nationalpark
´        beherbergt 1/5 des gesamten Erdölvorkommens Ecuadors
´        1ha besitzt Biodiversität von Mexico, USA und Kanada zusammen
-          Yasuní-ITT-Initiative
´        Eine NGO mit dem Ziel, den Yasuní-Nationalpark zu schützen
´        2010 bot die Regierung Correa an, den Nationalpark unberührt zu lassen
è Bedingung: Staatengemeinschaft soll die Hälfte der dadurch verlorenen Einnahmen ersetzen (7,2 Milliarden US$)
´        Bis heute nur ca. 200 Millionen US$ von staatlichen und privaten Geldgebern
è Correa begann Ende 2012 mit der Vergabe von 21 neuen Förderlizenzen
Ø  Medienkampagne: „Erdöl schenkt Amazonien leben!“
´        52% des ecuadorianischen Erdöls sind bereits an China versprochen, als “Dankeschön“ für die großzügige Kreditvergabe
-          Folgen:
´        Bisher unkontaktierte Völker werden gestört und bedrängt
´        Große Umweltverschmutzung
´        Unberührte Gebiete werden durch große Straßen erschlossen
è Tier- und Pflanzenwelt werden zurückgedrängt

Mit Sonnenbrand, Meer und Sand ins neue Jahr


Sylvester! Damit konnotiere ich Bleigießen, mit voll aufgedrehter Heizung vorm Fernseher sitzen, um das gefühlte 385 Mal „Dinner for one“  zu schauen und sich dann, in dicke Winterkleidung eingehüllt und durch den Schnee stapfend auf zum Rhein zu machen, wo einen eine grandiose Sicht auf das durch Feuerwerke beleuchtete Köln und unseren  Dom erwartet.

Doch nun bin ich in Ecuador, es ist der 29. Dezember 2012, und ich sitze, von der Sonne geblendet, auf der Ladefläche eines Pick-Ups  und fahre durch die Anden in Richtung Küste, Puerto Lopez.


Von Riobamba nach Guayaquil
Angekommen, aufgewacht. Wo? Ich spüre Wärme und frischen Wind, es ist noch früh (sechs Uhr morgens wie sich bald herausstellen sollte) und da setzt sich ein amselgoßer schwarzer Vogel neben mich ans Bett und brüllt mir ins Ohr, als sei er meine Mutter, die mich zu motivieren versucht, endlich aufzustehen, da es ja schon so spät sei, und außerdem müsse ich ja noch mein Zimmer aufräumen und sowieso… Auch wildes Armefuchteln half nichts (ebenso wenig wie früher bei meiner Mutter) und so hatte ich von nun an die nächsten 5 Tage für sechs Uhr morgens einen unfreiwillig zuverlässigen Wecker. Ursache des ganzen Spaßes war, dass ich mit Judith, einer Mitbewohnerin in Riobamba, bei einem Couchsurfer untergekommen war, der in Eigenregie ein drittes Stockwerk aus Holz auf sein Haus am Meer gebaut hatte, das jedoch noch keine Fenster hatte, sodass Vögel ein häufiger Gast waren. Doch der morgendliche Blick aufs Meer war paradiesisch, besser, als jedes Hostal, das ich mir hätte vorstellen können.
Unser Haus oben rechts
Blick vom Bett...
...bis zum Meer
So saßen wir also in unserem Strandhaus, grübelten über das Leben und genossen es ebenso, bis zum 31. Dezember, dem Tag vor der Silvesternacht. Wir fuhren alle zusammen nach Montañita, einem Turiort, ca. 1,5h südlich von Puerto Lopez, da es dort einer der größten Silvesterpartys des Landes geben sollte, was sich nach wenigen Sekunden bestätigte. Die Straßen waren voll, die Diskos umso voller, doch sich zum und durch den Strand zu kämpfen, war die größte Aufgabe. Es regnete in Strömen, doch das veranlasste die Leute nicht, sich in ihrer Feierlaune zu bremsen, sondern, fast schon aus Trotz, wurde nun auf der Straße getanzt, gesungen und gelacht. Es war wie ein Freudenrausch, an dem JEDER einzelne teilnahm und so diese unverwechselbare Stimmung erzeugte. Ich ging durch die Straßen und fühlte mich wie in einem Film, es war einzigartig! Kurz vor Mitternacht machten wir uns auf zum Strand. 

Neujahr, frohes neues Jahr 2013!

Ich stehe mit Jonas, einem Freund aus Otavalo, am Strand. Hinter uns das Meer, in das dutzende Menschen trotz Eiseskälte reinspringen und vor uns ein atemberaubendes Szenario. Traditionell werden in Ecuador kaum Silvesterraketen in die Luft gejagt, sondern Muñecos verbrannt. Diese Muñecos sind mit Feuerwerkskörpern gefüllte Puppen, die manchmal Berühmtheiten, manchmal aber auch nur Spongebob oder Homer Simpson abbilden. Und so geschah es, das tausende von Menschen auf dem Strand vor uns standen und wie Wilde um ca. 10 Meter hohe knallende Feuer tanzten, sie sich über den ganzen Strand verteilten. Dazu einzelne Feuerwerkskörper und singende, kreischende, lachende und weinende Menschen um einen herum. Es hätte der Weltuntergang sein können, doch es war großartig!


Der Strand

Des is sooooo romandisch



Mittwoch, 9. Januar 2013

Anschriften!


Liebe Spender,

ich brauche für die Spendenquittungen langsam wirklich Eure Anschriften. Nach zwei Wochen habe ich erst eine Mail diesbezüglich bekommen. Also bitte, eine Mail mit Anschrift + Spendenbetrag des Kalenderjahres 2012 an:

l.barton@gmx.net

Danke!

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Ein Danke und Formalitäten!


Hallo liebe Spender und Unterstützer.
Zunächst möchte ich noch einmal allen von Euch von Herzen danken, dass Ihr mir diese unglaublich tolle und einmalige Zeit hier in Ecuador ermöglicht, und ich hoffe Euch im Gegenzug mit meinen kleinen Berichten ein wenig den Alltag in Deutschland versüßen zu können.
Es ist mittlerweile schon eine beträchtliche Summe zusammengekommen (Stand Mitte Dezember: 1.190 Euro), und das ist wirklich unglaublich, ich weiß gar nicht, wie ich Euch das jemals danken soll. Diese Zeit hier bereitet mir so viel Freude und lässt mich jeden Tag ein Stückchen wachsen und Ihr seid mit jedem Schritt, den ich gehe, ein Teil des Ganzen! Danke! Trotz dieser enormen Summe und Eurer unvergleichbaren Spendenbereitschaft fehlen, die Daueraufträge mit eingerechnet, noch exakt 400 Euro. Wenn sich also noch jemand im folgenden Kalenderjahr entschließen sollte, meinen Freiwilligendienst hier mit zu unterstützen, würde ich mich riesig freuen! Wie das geht könnt Ihr in der Rubrik „Spenden“ hier auf www.eculino.blogspot.de nachlesen.
Ich denke jedoch nicht, dass uns auf der Zielgerade noch die Puste ausgeht, oder?  :)

Nun zu den Formalitäten: Wie ja bereits bekannt, werden Spendenquittungen leider erst ab 50Euro pro Kalenderjahr ausgestellt. Wer eine für das Kalenderjahr 2012 wünscht, bitte den in diesem Jahr gespendeten Betrag und eine Postanschrift an meine E-Mail Adresse (l.barton@gmx.net  - bitte achtet darauf, dass die Adresse mit NET endet) schicken. Diese Daten leite ich dann an meine Organisation weiter.

Ich hoffe Ihr hattet ein schönes und besinnliches Weihnachtsfest und rutscht gut ins neue Jahr 2013, das mit Sicherheit viele weitere spannende und kuriose Geschichten bereithält.
Danke und ganz liebe Grüße!

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Otavalo - Große Distanz, noch größerer Markt, (fast) zu große Berge


Neben uns vier (mittlerweile leider nur noch drei) Freiwilligen in Riobamba, befinden sich noch etwa 16 weitere Freiwillige meiner Organisation in Otavalo, eine mittelgroße Stadt im Norden des Landes, von Touristen überlaufen und circa sieben Busstunden von Riobamba entfernt. Neben meist sehr gutem Wetter bietet Otavalo jeden Samstag den größten indigenen Markt in Südamerika. Von Schachbrettern über Hängematten, Traumfängern und Strickpullis, hier findet jeder etwas. Hier zwei Ereignisse der letzten Wochen, die ich dort erleben durfte:

Die Besteigung des Imbabura, oder auch: der sportlichste Tag meines Lebens

Jeder der mich ein wenig kennt, wird es für einen extrem schlechten Witz halten, dass ICH mir vornahm, einen 4600 Meter hohen Vulkan hochzulaufen, und dafür auch noch 20$ zu zahlen. Aber nun gut, was man sich vornimmt, sollte man auch durchziehen. So hieß es für mich und einige andere aus Otavalo um 3:15 MORGENS aufzustehen um mit voller Motivation 1300 Höhenmeter zu überleben.

Vorher - NOCH lachst du Julia

  Irgendwo, zwischen Schritt 20 und 30 verlor ich bereits meine Motivation, doch da waren noch circa 1290 Meter zu bewältigen – na super, das kann ja nur ein Erfolg werden… Mit der Zeit und ansteigender Höhe kristallisierten sich sehr schnell regionale Unterschiede heraus. So liefen die Süddeutschen wie bekloppt diesen nicht enden wollenden Berg hoch, während Team Köln (danke für diesen Ausdruck Katja) röhrend und schnaufend nach Luft schnappte.
Das ist nicht unbedingt motivierend... (16x Zoom)

 




Während sich dieser regionale Unterschied immer mehr offenbarte und die verschwommenen Silhouetten der Anderen nun gänzlich verschwanden, schafften wir es, von unserem Guide unaufhörlich mit Schokolade gefüttert, nach 3h und 15min bis rauf zum Gipfel. Wahnsinn!
Team Köln am Ziel!
 Da die Höhe mir nun doch ordentlich zu schaffen machte, entschied ich mich keinen Meter mehr weiter zu bewegen, und auf die Rückkehr der Anderen zu warten, die scheinbar nicht mehr genug bekommen konnten, weitere zwei Stunden im Nebel und in der Kälte noch um den Krater rumzulaufen. Bitte, ich entschied mich derweil zu picknicken und danach (mehr oder weniger) gemütlich zu schlafen – immer noch auf 4600 Metern! Das war sowohl der schönste Moment der ganzen Wanderung, ganz alleine, 4550 Meter höher als Köln, in Wolken eingehüllt zu liegen, als auch verdammt kalt!
Angekommen!

Gesundheit!

Wir sind allein: Mein IPod und ich


Der Abstieg ging dann etwas flotter, im Hinterkopf meine bevorstehende Belohnung: eine frisch gebackene Schokopizza! Nun, nach über einem Monat danach, kann ich behaupten, ich habe mich von diesen Strapazen einigermaßen erholt!


Ja, das ist tatsaechlich eine Schokopizza!


Dia de los defuntos – Allerheiligen

Während für mich Allerheiligen in Deutschland immer nur ein netter Feiertag ohne Schule war, erlebte ich diesen Tag in 10000km Entfernung ziemlich anders. Ich fuhr aus Tixán zu Jonas, einem anderen Freiwilligen, in die Gemeinde, da meine Gastfamilie evangelisch ist und diesen Tag somit nicht feiert, seine hingegen schon. Traditionell wird am Vortag Brot gebacken, um es am darauffolgenden Tag gemeinsam mit der ganzen Familie am Grab der Verstorbenen zu essen. Dass jedoch das Ofenzimmer in der Nacht vorher zu einer Großbäckerei umfunktioniert wird, damit hatten wir nun wirklich nicht gerechnet. Nach anderthalb Stunden Brötchen-, Zöpfe- und Brezelformen gaben wir auf, und überließen geschlagen den Profis das Feld.


Am nächsten Morgen fuhren wir dann mit der ganzen Familie auf den Friedhof der nächst größeren Stadt St. Pablo, wo ein heilloses Gewusel  herrschte. Eisverkäufer laufen schreiend ihre Ware anpreisend über den Friedhof, es treffen sich Freunde und alte Bekannte, Gräber werden umgegraben, die Familien schenken sich  Essen, um es miteinander zu teilen, laute Musik klingt aus den Boxen im Hintergrund, es herrscht eine Atmosphäre wie auf einer Kirmes, und doch stehen wir mitten auf einem Friedhof und um uns herum “ruhen“ die Toten.

Die ganze Familie


Jonas Gastmutter




Danke an Jonas und vor allem an seine unglaublich liebe Gastfamilie, dass ich so etwas Einzigartiges miterleben durfte!

Dienstag, 11. Dezember 2012

Der Alltag und das Glück


Nun, nach vier Monaten, ist es doch mal an der Zeit für einen kleinen Einblick in meinen Alltag, fernab von aufregenden Reisen und Urlaubsberichten.

Von Riobamba fahre ich montagmittags los, umgeben von vier schneebedeckten Vulkanen, durchquere auf dem Weg in mein Dorf anderthalbstunden lang Gebirgsketten und unterschiedlichste Wetterphänomene. Angekommen im Dorf, Menschen lächeln mich an, grüßen mich, und mein Hund kommt auf mich zugelaufen, um mich unter freudigem Jaulen anzuspringen um mich, wohin auch immer ich gehen mag, auf Schritt und Tritt zu begleiten. Zuhause sitze ich auf meinem Bett, umgeben von einer Mischung aus Unruhe, schreienden, spielenden und rennenden Kindern, daneben das eindringliche Lachen meines Gastvaters und das noch eindringlichere Weinen meines dreijährigen Gastbruders.
Nachdem wir um acht Uhr alle still im Bett liegen und auch auf der Straße sich nur noch vereinzelt Straßenhunde herumtreiben, habe ich nun endlich Ruhe – bis zum nächsten Morgen zumindest. Ein paar Lieder auf meinem I-Pod gehört und dann heißt es die 10 Stunden Schlaf zu genießen, bis morgens um sechs der Wecker klingelt. Und da ist sie wieder, die unermüdliche Hektik, die Ruhe verfliegt.

Was für ein Luxus: Auf dem Küchentisch stehen eine frische heiße Milch, ein Obstsalat mit Kokosjoghurt und dazu Cholas, mit Honig gefüllte Brötchen; „Oder möchtest Du noch ein Rührei dazu, Linito?“. Nein danke, keine Zeit, Schule beginnt ja schon in wenigen Minuten.
Pünktlich zum Morgenapell trete ich durchs Schultor, den ganzen Weg über begleiten mich meine Schulkinder und fragen, wann sie denn endlich wieder Englischunterricht haben, wo ich war und warum ich diesen neuen Hut auf meinem Kopf trage.

Im Unterricht ein schwingendes Pendel zwischen Freude und Verzweiflung. Die dünne Holzwand, die zwei Klassenräume voneinander trennt, hält kaum das niemals endende Gebrülle des Klassenlehrers der dritten Jahrgangsstufe ab. „Kinder, hierher gehört!“. Kann denn von der Tafel abschreiben so schwierig sein? „Und warum wälzt ihr euch schon wieder auf dem Boden?“. Aber nur ruhig Lino, die Kinder geben ja ihr Bestes, also nochmal erklären. Und eben noch einmal. Erwartungen runterschrauben, wir sind hier nicht in Deutschland, wo Kinder von ihren Eltern zu Hause in schulischen Angelegenheiten unterstützt werden oder wo viele bereits im Kindergarten gelernt haben, still und konzentriert auf einem Stuhl zu sitzen. Also was verlangst Du, Lino, hier überhaupt von Acht- bis Elfjährigen. Und dann plötzlich, ganz unerwartet ist es da, der Erfolg, das Wissen, etwas erreicht zu haben, ja, das Glück, hier sein zu dürfen.


Danke an alle, die mir diese Geschichten ermöglichen zu erzählen!
Und ein ganz besonderer Dank an meine Mama, die IMMER für mich da ist!